Als wir heute in der Früh loslaufen, dampfen die Straßen von den Gewittern der Nacht. An meiner Seite ist Bernhard, mein letzter Wegbegleiter. Das ist schon etwas besonderes. Wir verstehen uns natürlich – wie ich es nun schon oft erleben durfte – auf Anhieb. Ich rede in einer Tour und prompt verlaufen wir uns um viele Kilometer. Anstelle der 10 Kilometer bis zum Etappenteilstück, an dem sich unsere Wege trennen, müssen wir fast 15 Kilometer laufen. Doch am Ende wartet seine Lebensgefährtin Johanna mit einem wunderbaren „Buffet“ von einem Hofbauern. Wir sitzen und essen. Ich erlebe nun auf ganz besondere Weise die Würdigung meines Laufes - mit Essen und Trinken.
Ganz oft habe ich in den letzten Wochen hören dürfen, es sei unglaublich, was ich hier mache. Es sei fantastisch, unüberbietbar, grandios, sagen sie. Auf Radwegen haben in den letzten 40 Tagen Dutzende, ja hunderte Menschen „eingebremst“, um mit mir zu sprechen. Manche Menschen sind einige Kilometer mit mir gelaufen, aus Respekt vor der Aktion oder auch, um mir – wie Bernhard heute – ihre Geschichte zu erzählen. Je länger ich unterwegs war, desto mehr wurde mir bestätigt, dass wir in einem Land der Sternenkinder leben, so viele sind betroffen oder kennen jemanden, der betroffen ist. Doch dem nicht genug: In hunderten Zuschriften und Kommentaren – per Mail, WhatsApp, Messenger und offen in Kommentarspalten der sozialen Netzwerke – haben sich unzählig viele Menschen an uns gewandt und Aspekte ihrer Geschichten niedergeschrieben. Darüber hinaus wurden unsere Kommunikationskanäle gesprengt von „Zuseher*innen“, die den gesamten Lauf verfolgten und immer wieder Herzchen verteilten.
In Summe: In den Wochen des Laufes begegneten mir im Grunde ausschließlich Menschen, die mich würde- und respektvoll behandelt haben. Dazu zählen auch all die Hotel- und Pensionsbesitzer*innen, die mir gratis Quartier gewährten oder Kellnerinnen, die mich abends im Restaurant nicht bezahlen ließen, da sie von mir gelesen hatten und das „Zeichenhafte“ meines Unterfangens wichtig fanden.
Warum zähle ich all das Löbliche auf? Weil ich mir seit Wochen denke: Würde all dieser Respekt, all dieser würdevolle Umgang mit meiner Person – dem Läufer – allen Sternenkindeltern zuteil werden, so lebten wir schlagartig in einer anderen Gesellschaft. Die Menschen, die mir begegneten, haben es bewiesen: Wir sind fähig, über Sternenkinder zu sprechen, auch wenn wir nicht selbst betroffen sind. Sternenkinder – das habe ich gegenüber den wenigen Politikern, die ich auf meinem Weg traf, immer wieder betont – können und sollen Sternenkinder in ihre Gemeinde integrieren, indem sie im Gemeinde- oder Pfarrblatt veranlassen, dass Sternenkinder unter den Sterbefällen genannt werden, sofern die Eltern das wünschen. Das ist nur eine kleine Notiz, die nichts kostet, jedoch riesige Wirkung hätte: Sternenkinder erhalten damit einen Namen, und den Eltern kann vollkommen unspektakulär kondoliert werden, da das Leid und die Trauer öffentlich gemacht worden sind – wie bei jedem anderen Verstorbenen.
In meinem Lauf durch Österreich habe ich bei jeder Gelegenheit betont, es geht im Ansinnen unserer Arbeit niemals um die „Erhöhung“ des Sterbens eines Kindes, sondern um das allgemeine Anerkenntnis seines Todes. Würde und Mitgefühl, auch Respekt vor der Leistung, das Leid und die Trauer zu tragen, das muss Sternenkindeltern gesellschaftlich zukommen, um unsere Welt ein kleines Stück humaner zu gestalten.