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Mein Entrag
Der Wirt des Gasthof Tell begleitet mich mit seinem Fotoapparat – einem echten, einem Gerät, das nichts anderes kann als Fotos machen – vor die Tür. Kurz davor musste sein Sohn ein Bild von ihm, seiner Gattin und mir knipsen. Als Erinnerung. Gestern Abend durfte ich bereits in sein Gästebuch einen Eintrag schreiben. Er zeigte mir jenen des längst verstorbenen Bundespräsidenten Kirchschläger, der auch einmal in seinem Gasthof gewesen sei. Nun machen der Wirt und eine deutsche Touristin noch rasch ein Bild von mir und meinem Wagen. Als ich schließlich den Innenhof verlasse, winkt er mir ganz gerührt nach. Mit dieser gefühlvollen Verabschiedung liegt Paternion hinter mir. Am Dorfrand, gesäumt von Pferdekoppeln, kommt mir der Gedanke, dass die Orte bei jedem Weglaufen „an mir kleben“. Doch jedes Ortsschild, das durch die roten Markierung signalisiert, dass hier das jeweilige Hoheitsgebiet endet, wirkt wie eine Befreiung. Es signalisiert mir, dass es nun weitergehen darf. Es lässt mich nicht zurück, sondern nach vorne denken. So liegt also auch der Gedanke des Tages bereits fünf Minuten nach Verlassen des Gasthofes Tell wie selbstverständlich vor mir: Wir brauchen Markierungen und Rituale. Bewusste Momente, die uns nach vorne denken lassen. Den Wirt und seine Gattin schließe ich in diesem „nach vorne denken“ natürlich mit ein. Sie sind jetzt Teil meiner Biografie, die ich achte und würdige. Rituale prägen unseren Alltag. Allein mein Morgen: Alles glich heute einem kleinen, bereits eingeübten „Programm“. Es geht dabei weniger darum, was ich mache, sondern vielmehr, wie ich es tue. Wie stehe ich auf? Was mache ich als erstes, um mich wohl zu fühlen? Wie gehe ich das Verstauen meiner vielen Gegenstände an? Wie frühstücke ich? (Ich lasse beispielsweise den Teebeutel in der Tasse tanzen.) Wie stelle ich mich geistig auf den kommenden Tag ein? Als unser Sohn zur Welt starb, gab es das alles nicht. Dies ist auch der wesentliche Punkt, unter dem besonders Vera immer noch leidet: Ihr wurde verwehrt, ihren Sohn zu betrachten. Ihr wurde verwehrt, ihn zu baden, zu pflegen und anzukleiden. Uns schließlich wurde eine Verabschiedung, gar eine Beisetzung verwehrt. Sie alle sind das Fehlen von Markierungen und Ritualen. Rituale sind Teil der winzigen, kurzen Biografie unserer verstorbenen Kinder. Alles, was wir tun (dürfen), zeugt davon, dass sie gelebt haben. (Bild: Jörg Michelor, Wirt des Gasthof Tenn in Paternion.)
Rainer "Yuri" Juriatti
Gestern Abend sah ich Tränen. Eine Begleiterscheinung bei unseren Vorträgen. Wenn Vera und ich erzählen, wie wir fotografieren und Bilder dabei zeigen, die Eltern uns freigegeben haben, dann berührt dies viele Menschen besonders. Gestern waren es drei Männer. Es ist schön, wenn es möglich wird, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ein älterer Herr erzählt dann von seinem Sternenkind, das er und seine Frau vor dreißig Jahren zu betrauern hatten. Es sei ihm damals nicht möglich gewesen, darüber zu sprechen, obwohl seine Frau dies gewollt hätte. Und im Dorf habe auch niemand davon wissen wollen. Später dann kommt seine Frau auf mich zu und schüttelt mir die Hand. Sie sagt, heute Abend habe ihr Mann das erste Mal öffentlich von ihrem Kind gesprochen. Das berühre sie sehr. Heute Früh dann ruft mich eine Journalistin an und betont eindringlich, sie habe meinen Lauf hausintern in allen Redaktionen angeboten und hoffe sehr, dass einer der Chefredakteure mir Unterstützung zukommen lasse, es sei so wichtig. Ich beruhige sie und betone, dass ich sowieso laufe, ob man darüber berichte oder nicht. Ich erzähle ihr vom gestrigen Abend mit all seinen wunderbaren Emotionen. Dann ist es still und ich höre sie weinen. Schließlich meint sie schluchzend, vor drei Monaten noch hätte sie sich nicht so sehr für das Thema eingesetzt. Ich verstehe. Und so laufe ich los, nehme die engen Gassen durch den wunderbar stillen Ort und befinde mich kurz darauf auf einem Waldweg, der mich neben einem tosenden Wildbach in Richtung Deutschland führt. Heute werde ich zum „internationalen“ Läufer werden, da mich mein Weg über die Grenze nach Deutschland in Richtung Salzburg führen wird. Das, merke ich, ist sogar ein wenig aufregend. Stundenlang begleitet mich nichts anderes als das Tosen des Baches, der sogar die nahe Schnellstraße übertönt. Und immer, wenn das Tosen verblasst, macht es großer Stille Platz. Ich denke an den älteren Herrn von gestern, der dreißig Jahre geschwiegen hat; ich denke an die Journalistin, die nicht schweigen möchte. Die Stille und das gesellschaftlich verordnete Verstummen kann sich über Jahrzehnte hinziehen. Irgendwann allerdings drängt es nach außen, muss es öffentlich werden. So, wie bei jenem Mann gestern Abend. Und die junge Journalistin muss gar intern dagegen ankämpfen, dass der Schrecken und die Unsäglichkeit des Todes eines Kindes nicht nur zum „Programmpunkt“ wird, der vielleicht zum Candle Lighting Day im Dezember oder an Allerseelen ein paar Sendeminuten bekommt. Ihr Schmerz über den Tod ihres Kindes allerdings wird potenziert durch den Frust, da ihre Chefredakteure auf ihr verzweifeltes Zurufen nicht reagieren. So tickt unsere Welt. Deshalb laufe ich.
Rainer "Yuri" Juriatti
Einzelbestattung vs. Sammelgrab Diese Geschichte eines Sternenkindes lässt mich nicht mehr los, ich muss ganz oft an diesen Fotoeinsatz denken: 17. Schwangerschaftswoche, wir fotografieren, Unterwasserfotografie, liebevoll halten die Eltern ihr Kind, lassen es im Wasser sanft in ihre Hand gleiten, betrachten es. Gleichzeitig sehe ich die Traurigkeit in den Augen der Eltern, besonders der Mama, als ich sie nach ihren Betattungswünschen frage. Es mache sie sehr traurig, erzählt sie mir, dass sie sich keine Einzelbestattung für ihre kleine Prinzessin leisten könne und sie ihr Kind unter diesen Umständen in die Sammelbestattung geben müsse. Das schmerze sie sehr, denn sie hätte gerne ein eigenes Grab für ihr Kind, an dem sie trauern kann. Durch unsere Sternenkindhilfskarte konnten wir in den letzten Jahren viele gute Kontakte aufbauen (so weit sie sich in die Karte eintragen lassen) und so kenne ich einige Bestatter, die den Eltern diesen letzten Wunsch oft zum Selbstkostenpreis erfüllen. Auch gibt es in manchen Gemeinden Gratis-Kindergräber. Und so habe ich im einleitend geschilderten Fall den Eltern meine Kontakte weitergegeben. Die Erleichterung, dass es doch noch Hoffnung auf eine persönliche Grabstätte gibt, war deutlich zu spüren. Nachdem die ersten und letzten Bilder ihres Kindes ausgearbeitet und an die Eltern versendet worden waren, bekamen wir die Nachricht, dass sie die Urne ihres Kindes durch die speziellen Konditionen des durch uns vermittelten Bestatters nun an jenem Ort beisetzen können, an dem sie es sich gewünscht haben. Und ich freue mich sehr, wenn ich immer schreiben kann: Alle Informationen für Hilfsadressen findet man hier auf unserer Seite www.mein-stenenkind.net.
Vera Juriatti
Heute laufe ich zum letzten Mal los, dieses Mal vom ersten Schritt an begleitet von einer Fernsehkamera. Wie ich gestern bereits schrieb, kommt mir viel Respekt entgegen, der sich auch in Berichterstattungen niederschlägt. Das Thema bekommt Raum, ich hoffe, es verfehlt auch nicht seine Wirkung. Der Tag heute wird „laut“ werden, in ein paar Stunden schon laufe ich bei meinem Sponsor in den ersten Zielraum ein, auch hier ist geplant, dass eine Fernsehkamera dabei sein wird. Anschließend wird es noch „lauter“, da wir gemeinsam beim Grazathlon starten, rund zehntausend Menschen werden im Zielraum sein, wo ich moderiert einlaufen werde. Und auch eine Kinokamera wird dort auf mich warten. Und bei all dem denke ich an den ersten, den stillen Tag auf dem Packsattel. Als ich mit „1.200 Kilometer für Sternenkinder“ gestartet bin, vor gefühlt ewigen Zeiten, da widmete ich die ersten Stunden meines Laufes unserem verstorbenen Sohn Pablo, war es doch sein Gedenktag gewesen, als ich mich auf den langen Weg machte – und mit ihm liefen auch alle seine Geschwister mit mir. Die ersten Meter meines Laufes wurden nur von Vera gesehen, die mich irgendwo im Nirgendwo auf meinen Wunsch hin „aussetzte“. Es war – anders gesagt – ein sehr intimer Moment. Mir ist die Gefühlslage, mit der ich loslief, ganz stark präsent, so, wie das Dasein aller unserer Sternenkinder eine enorme Präsenz bei mir hat und immer haben wird. Viele „exklusive“ Stunden habe ich nun mit ihnen verbracht, viele Tage und Wochen gingen ins Land, in denen ich an nichts anderes dachte, von nichts anderem sprach, über nichts anderes schrieb als Sternenkinder. Die Weltgesundheitsorganisation fasst das Sterben unserer Kinder in Begriffe. Dem Drama werden Benennungen gegeben. Natürlich lese ich sämtliche Erklärungen und Erläuterungen in Fachzeitschriften stets auf der „Matrix“ unserer Erlebnisse. Ein Sternenkind ist laut Weltgesundheitsorganisation der Tod einer aus der Empfängnis stammenden Frucht vor der vollständigen Ausstoßung oder Extraktion aus dem Mutterleib, unabhängig von der Dauer der Schwangerschaft. Der Tod wird dadurch angezeigt, dass der Fötus nach dem Verlassen des Mutterleibs weder atmet noch andere Lebenszeichen erkennen lässt, beispielsweise Herzschlag, Pulsation der Nabelschnur oder deutliche Bewegung der willkürlichen Muskulatur. Das also sind unsere Kinder, allen voran Pablo: Ein Fetaltod in der 25. Schwangerschaftswoche. Ich weiß nur, dass meine Frau mit grünen Tüchern abgedeckt in einem dunklen, sehr dunklen Krankenzimmer lag, versehen mit einem Sichtschutz, um das Unsägliche nicht betrachten zu müssen. Ich weiß nur, dass es eine Geburt war, eine richtige Geburt, und dass ich meine Gesichtszüge in den seinen erkennen konnte, als er in die Schatten des Krankenzimmers geworfen wurde. Ich weiß, dass ich ihn sofort in den Arm nahm, während ich das verzweifelte Weinen meiner Frau hörte und den Arzt, der meinte, nun sei es überstanden, sie könne sich entspannen. Ich erinnere mich, mit welch großem wissenschaftlichen Interesse der Arzt zunächst den Mutterkuchen betrachtete, dann unseren Sohn. Heute verstehe ich, dass die Weltgesundheitsorganisation meinen Kindern einen Begriff gegeben hat. Damals hätte ich es nicht verstanden. Pablo wäre zum „Lebendgeborenen“ geworden, hätte er geatmet oder eine der anderen beschriebenen Voraussetzungen erfüllt. Wäre er heute geboren worden, hätte er mit großer Wahrscheinlichkeit überlebt. Zugleich war er mit seinen wenigen Gramm weit entfernt gewesen von „untergewichtig Geborenen“, die 2,5 Kilogramm auf die Waage bringen müssen.
Rainer "Yuri" Juriatti
Nach einigen Kilometern bereits erreiche ich eine weite Ebene: am Horizont, auf einer Anhöhe, ein riesiges Gebäude. In diesem ist mein Großvater gestorben. Einige Kilometer später sollte ich eigentlich auf einen Radweg abbiegen, entscheide mich jedoch, durch die Dörfer zu laufen. Es sind die meinen. Dörfer, in denen ich Freunde hatte, Dörfer, in denen ich mit Schulkollegen auf der Straße Eishockey gespielt habe, Dörfer, in denen Jugendfreunde und ich schließlich unsere Spuren hinterlassen haben Ich durchkreuze Bludesch. Hier haben wir die Hochzeit gefeiert. Ich durchkreuze den Ort Thüringen, in dessen Musikhauptschule ich viele Elternstunden verbracht habe, weil meine Tochter Chiara dort in die Schule ging; genau gegenüber befindet sich das Standesamt, in dem wir geheiratet haben. Kurz darauf, in Ludesch, treffe ich Corinna, ihre Tanzlehrerin. Und dann, mit Nüziders, erreiche ich mein Heimatdorf: Laufe am Seniorenzentrum, in dem Vera und ich gewirkt haben, an der Sporthauptschule, in der mein Sohn die Grundlagen dessen gelernt hat, die er mir im Coaching nun weitervermittelt hat vorbei und mache schließlich in meinem Elternhaus Halt. Erinnerungen sind es, die unsere Biografien tragen und mit Leben füllen. Erinnerungen sind es, die uns zeitlos begleiten - das ist das entscheidende: Alles wirkt im Moment der Erinnerung, als sei es gestern gewesen. Erinnerungen sind zeitlos. Und so sind es die Erinnerungen an unsere verstorbenen Kinder ebenso. Meine fünf Sternenkinder bleiben an mir haften wie eben jede Erinnerung. Ich kenne jeden verzweifelten Moment, ich kenne jede Träne und jedes Zetern, ich kenne mein Abwenden von der Idee, es gebe einen Gott. Zeitlos bleiben all die Schmerzen, zeitlos bleiben die Erinnerungen an das dunkle Krankenzimmer, an das schmerzvolle Weinen meiner Frau, an meine Gewissheit, dass nur die Liebe uns tragen kann, und niemals ein Mensch oder irgendeine Strategie. Die Biografien meiner Sternenkinder sind festgeschrieben wie all die Gebäude, an denen ich heute vorbeilief oder zu Gast war. (Bild: Im Haus meines Bruders Adrian, der zeit- und fraglos immer an meiner Seite war.)
Rainer "Yuri" Juriatti
Immer wieder fällt mir auf, wie rasch sich ein wesentlicher Gedanke des Tages inzwischen anbahnt. Es mag vielleicht daran liegen, dass mir das Laufen, die massive Entschleunigung, in der ich mich derzeit bewege, die Sinne schärft. Heute war es ein winziger Umstand, der sich zum zweiten Mal ereignet: Erneut exakt zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin sagt ein Bürgermeister die Aufnahme eines Fotos für die Gemeindezeitung ab. Schon in Klagenfurt ist es mir widerfahren, und nun auch in Eugendorf. Und sofort zerlege ich beim Loslaufen das Wort „Enttäuschung“. Ja, ich werde ent-täuscht. Ich darf mich, anders ausgedrückt, nicht täuschen lassen: Außenstehenden ist und bleibt das Thema Sternenkinder nicht wichtig genug, um einen seit Monaten bekannten, wenige Sekunden dauernden Termin einzuhalten. Bürgermeister, das mag sein, haben viele Termine und Verpflichtungen. Sie müssen entscheiden, was ihnen wichtig ist und was nicht. Und so bin ich es nicht. Nicht genug. Das widerfährt Sternenkindeltern jeden Tag. Sie dürfen sich nicht darüber täuschen lassen, dass das Mitgefühl ihres Umfeldes dauerhaft und in allen Fällen aufrichtig ist. Sie dürfen sich nicht täuschen lassen, dass die Hilfestellungen anhaltend sind. Floskeln wie „ruf mich an, wenn du etwas brauchst“ werden oft ausgesprochen, um möglichst nicht angerufen zu werden. Und vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich auf das Zuhause von Tina Kirchweger zulaufe, einer Lebens- und Sozialberaterin in Innerschwand am Mondsee, die mir gemeinsam mit ihrem Mann Stefan inklusive meines morgigen Ruhetages Quartier gewährt und einen Abend im Geiste Viktor Frankls organisierte, dass ich an eben diesen denken muss, der mir folgende kleine Geschichte im Jahr 1996 – tatsächlich persönlich, im Rahmen unserer Drehbucharbeit zu „Synchronisation in Birkenwald“ – erzählt hat: Als Frankl im Konzentrationslager war, fragten sich die Kameraden um ihn herum oft, ob sie das Lager überleben werden. Denn sofern nicht, dann habe ja das ganze Leiden keinen Sinn. Frankl erzählte mir (und später habe ich es in seinen Büchern auch gelesen), ihn hingegen habe stets die Frage beschäftigt, ob das ganze Leiden um ihn herum einen Sinn mache, denn wenn nicht, dann habe auch das Überleben keinen Sinn. Was bedeutet dies für die Bürgermeister dieser Welt? Sie dürfen sich die Frage stellen, was für einen Sinn es hat, dass sie davon wissen, dass es Sternenkinder auch in ihrer Gemeinde gibt? Weiß ich als Bürgermeister davon, so muss ich doch reagieren. Zumindest sagt dies der gesunde Menschenverstand. Solange sie allerdings nicht erkennen, dass es ihre Pflicht ist, diesem und vielen anderen existenziellen Themen hohen Stellenwert einzuräumen, so lange wird ihre Politik inhuman und effekthaschend bleiben. Denn mit Steinen auf Friedhöfen ist es nicht abgetan.
Rainer "Yuri" Juriatti
In aller Stille laufe ich los. Es ist noch früh am Morgen, kaum jemand begegnet mir auf den Straßen im idyllischen Ort Mötz. Wenige Minuten nach meinem Start biege ich in den Radweg ein. Ein riesiges Feld öffnet sich vor mir. So wird es fast den ganzen Tag über bleiben. Keine Menschen, weite Felder. In diese Stille laufe ich hinein. Gestern noch waren hunderte Menschen auf den Radwegen des Inntals unterwegs, blieben stehen, sprachen mich an. Heute treffe ich kaum jemanden. Und jene, die mir begegnen, grüßen allesamt nicht zurück. So bleibe auch ich bald still und konzentriere mich darauf, einen angenehmen Laufrhythmus zu finden, da ich weiß, heute einen vollen Marathon absolvieren zu müssen. Vor Jahren, geht es mir durch den Kopf, durfte ich viele Gespräche mit Viktor Frankl, dem Begründer der sogenannten „Sinntherapie“ führen. Eines Tages stand ich dabei vor einer großen Entscheidung, es ging um unsere Sternenkinder. Irgendwie erzählte ich Frankl davon. Er meinte ganz trocken, ich solle drei Tage schweigen. Wer drei Tage schweige, kenne die Antwort auf die schwierigsten Fragen. Heute schweige ich also den ganzen Tag. Irgendwann macht mich meine Frau durch eine Nachricht darauf aufmerksam, wie oft wir in letzter Zeit Menschen danken durften, da sie ein so großes Herz haben und uns durch Nächtigungen und Verpflegung unterstützen. Und während ich also schweige, die Stille wohltuend wirkt, muss ich an die hohe Qualität der Dankbarkeit denken. Auch hier legt Frankl die Denkschiene. Er hat uns beigebracht, dass es Dinge gibt, die vollkommen sinnlos sind. Der Tod eines Babys gehört dazu. Frankl allerdings meint, dass man dem vollkommen Sinnlosen durch eine „Wendung in etwas Positives“ eine Sinnbehaftung des Schicksalsschlags geben könne. Ich bin dankbar, dass ich mit meinem verstorbenen Sohn Pablo – stellvertretend für unsere fünf Sternenkinder – laufen darf. Ich bin dankbar, dass mir so viele nette und herzoffene Menschen begegnen, ich bin dankbar für all jene, denen das Thema „Sternenkinder“ fremd war oder ist und die dennoch sofort und mit großer Selbstverständlichkeit Quartier gewähren und mich sogar oftmals verpflegen. Dankbarkeit ist eine Eigenschaft des Menschseins. Dankbarkeit ist eine Geste des würdevollen Annehmens einer Wohltat. Dankbarkeit ist vielleicht gar der Schlüssel zum Glück. Die Sinnbehaftung des Todes unserer Kinder liegt in jenem Leben, das wir heute leben dürfen: Eines, das in großer Dankbarkeit auf alle Menschen und natürlich auch auf jene zugeht, die die Würde verstorbener Kinder durch ideelle oder gar praktische Unterstützung der Sternenkindhilfe anerkennen. (Bild: Abendstimmung aus der 13. Etage des AC Hotels Innsbruck)
Rainer "Yuri" Juriatti
Ich freu mich sehr über die Zusammenarbeit mit dem ehrenamtlichen Verein „Näh- und Bastelzauber für Frühchen und Sternchen“, der für die kleinsten Sternenkinder Kleidung näht. Danke Johanna Ebinger ihrem fleißigen Team!
Vera Graz
Rückbildungsgymnastik für Sternenkindmütter Anfang 2023 habe ich begonnen für Graz einen Rückbildungskurs für Sternenkindmütter auf die Füße zu stellen. Es war ein harter Weg, mit sehr vielen Rückschlägen. Im Sommer dann habe ich eine Physiotherapeutin mit Erfahrung in der RBG gefunden. Frau Pincus hat sich bereit erklärt so einen Kurs anzubieten. Frau Pincus hat auch an unserer Sternenkindfachtagung im September teilgenommen um noch mehr Aspekte in der Sternenkindthematik zu erfahren. Nun habe ich einen Veranstaltungsraum gesucht. Es scheiterte einige Male an der Raummiete, da wir den Kurs so billig, als möglich anbieten wollten, um allen Mamas dieses Gruppenangebot erschwinglich zu machen. Mit dem Storchennest in Frohnleiten haben wir einen Raum und ein sehr engagiertes Team bzw ein Vorstand angetroffen, der dies sogleich umzusetzen begann. Ich sehe das Angebot als körperliche Unterstützung, aber auch ein Austauschtreffen von Sternenmamas, um das Erlebte aber auch Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen. Ich freue mich sehr und darf auf den ersten Termin des Gruppenkurses am 9.2.2024 hin weisen und werde auch persönlich am ersten Treffen teilnehmen.
Vera Graz
Das kleine Mädchen in meine Arme gegeben Anfang des Jahres erblickte ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Die Eltern lernte ich ein Jahr davor in einer Ausnahmesituation kennen. Der Kontakt hat sich während der Begleitung in der Schwangerschaft vertieft, und so haben wir alle gespannt auf die Geburt gewartet. Ich durfte ihrer Mama (und längst schon meiner Freundin) mit meinem Wissen als Kinderkrankenschwester beratend zur Seite stehen. Und dann war es so weit und es musste kommen, wie es kommen muss: Das kleine Mädchen hat mein Herz im Sturm erobert. Ich besuche die kleine Familie regelmäßig alle zwei Wochen, denn als „Leihoma“ möchte ich einen guten Kontakt zu der kleinen Maus aufbauen. Natürlich gehört Rainer als Leihopa auch dazu - auch wenn er sich schwer dagegen wehrt - aber Tatsache ist, dass die Kleine auch ihn längst schon um den Finger gewickelt hat. Ich bin zutiefst beseelt und glücklich, denn sowohl die Begegnung als auch das „Herauswachsen“ einer tiefen, schönen Freundschaft mit Menschen, deren Weltbild wir zuinnerst teilen, hat sich einfach so ergeben und ich bin wirklich stolz und gerührt, dass unsere Freunde uns als ihre „Leihgroßeltern“, einer verantwortungsvollen Aufgabe, ausgewählt haben. Als Nonna und Nonno, – italienisch für Oma und Opa – möchten wir nun für dieses kleine Wesen zuverlässig da sein.
Vera Juriatti
6 Uhr. Ich setze mich an die Bettkante. Mache meine Dehnungsübung für die lädierte Hüfte. Neben mir der Laptop. Lese: „Dürfen wir bitte wissen, wann Sie am (Datum) in (Ort)/Niederösterreich ankommen werden?“ Ich seufze. Gestern schon haben zwei gefragt. Und vorgestern auch einer. Und überhaupt. Als ich dann eine WhatsApp-Nachricht bekomme, in der die Frage ebenfalls auftaucht, entschließe ich mich, heute während des Laufes keinen Gedanken „kommen zu lassen“, sondern exakt darüber zu schreiben. Ich bin auf Weg. Heute Morgen beispielsweise fokussierte ich meine mentalen Kräfte ganz auf dass Massiv des Arlbergs. Nichts anderes zählte zu diesem Zeitpunkt. Wann ich in irgendeinem Ort in Niederösterreich sein werde, stand dabei fern wie die Sterne. Denn: Ich bin auf Weg. Ich gehe zu Fuß. Ich fahre nicht. Ich bin auf Weg. So weiß ich nicht, wo ich an fernen Tagen wann genau sein werde. Nicht heute. Heute will ich das auch gar nicht wissen. Mein Fokus liegt im Jetzt. Wann ich wo sein werde, weiß ich erst immer ungefähr am Tag davor. Die Tage in Niederösterreich, ja sogar bereits jene von übermorgen, liegen weit fern. Und genau das ist es, was wir Sternenkindeltern seit dreißig Jahren anderen vermitteln. Entgegen der schematischen Abhandlung von Trauer, die vorschreibt, wann man sich wie zu fühlen hat, sagen meine Frau und ich seit Jahrzehnten: Hütet euch davor, diese marktschreierisch publizierten Regeln wörtlich zu nehmen. Hört vielmehr auf euer Herz und beantwortet nur und ausschließlich selbst, wo ihr gerade steht. Versucht nicht, eure Trauer durch die von Begleitenden immer noch oft zitierten Normierungen zu kanalisieren, um euch dann bei Nichteinhaltung abnormal zu fühlen. Lasst den Unsinn, auf Betreuende zu hören, die euch Trauer-Zukunfts-Perspektiven vermitteln wollen. Ihr fühlt euch, wie ihr euch fühlt. Denn: Ihr selbst und niemand sonst seid auf Weg. Es ist der eure. Es ist nicht der Weg eines Menschen, der behauptet, „übermorgen wirst du dich anders fühlen (müssen), sonst stimmt was nicht mit dir“. Ihr seid auf Weg. Und so bin ich derzeit auf Weg. Ich allein gehe ihn. Es sei allen, die einen Termin mit mir haben auf meiner langen Reise durch Österreich hiermit unbedingt mitgeteilt: Beachtet bitte, ich komme zu Fuß. Ich habe Veranstaltungen, zu denen ich erscheinen muss. Also werde ich erscheinen. Und ich werde mein Bestes tun, pünktlich zu sein. Aber: Es ist mein Weg. Niemand anderer geht ihn. (Fotocredits „Arlbergbild“: Adrian Juriatti)
Rainer "Yuri" Juriatti
Schön war es heute Früh, als ich loslief. Alles so, wie ich es besonders mag: mein Aufwachtempo, mein Bereitsein für den ersten Schritt, meine stillen Minuten, die mir klar machen, warum ich mache, was ich mache, kein Foto, keine Termine, keine Uhr. Nur ich und der Weg. Gestern hat mich mein Sohn Tonio – und zugleich Sport- wie auch Mentalcoach – auch diesbezüglich sehr gut beraten. Ich habe den Spagat zwischen Lauf und Veranstaltungen in den ersten Tagen nämlich kaum geschafft. Ja, ich muss auf mich schauen. Das war dann auch der prägende Gedanke des Tages. Ich muss auf mich schauen und darf dabei vertrauen auf zwei Menschen, die den Lauf Eins zu Eins mit mir laufen: meine liebe Frau und mein Sohn. Sie stehen von morgens bis abends online mit mir in Verbindung. Sie beraten mich, sie organisieren die nächsten Schritte, sie sorgen für die Verbreitung der Videos und Bilder, die ich ihnen zusende. Und: Sie stützen mich psychisch. Es ist eine unfassbar große Herausforderung, die vielen „To-dos“ des Tages abzuspulen und dabei rund 30 bis 35 km pro Tag laufend und walkend hinter mich zu bringen, ohne psychisch dabei rasch auszulaugen. Gestern habe ich über Wegbegleiter geschrieben. Über die Selbstverständlichkeit des Mitgehens. Und dieses Mitgehen löst bei mir große Dankbarkeit aus, da es mich darin bestärkt, auf mich zu schauen und nicht, den Terminen pünktlich nachzukommen. So mag es Sternenkindeltern gehen: Sie brauchen jemanden, der ihnen signalisiert, dass sie nichts müssen, da sie gerade etwas leisten, das kaum ein anderer Mensch leistet. (Wie Viktor Frankl sagt: Leiden zu tragen, das ist eine große Leistung, derer der Mensch fähig ist.) – Und so weiß ich heute: Dank meinen zwei „Co-Läufern“ im Hintergrund kann ich auf mich achten, denn ich renne nicht von Termin zu Termin, sondern renne für Sternenkinder. PS: Meine liebe Frau ist nominiert als „Helferin des Jahres“. Jede Stimme zählt. Bitte voten Sie für sie: https://diesteirerin.at/people/die-helferin-2024/
Rainer "Yuri" Juriatti
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